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Gedanken zu Christof Gramm, Deutsche Identität, FAZ 20.7.2017
von Dr. Christian Heinze
Eine sub-page zur Seite: pro-re-publica.de
2017 08 09

Der ganzseitige Beitrag von Christof Gramm über deutsche Identität in der FAZ vom 20.7.2017 lässt Fragen offen. Versteht man unter Identität den Inbegriff der Merkmale, durch die sich Deutschland von anderen Ländern unterscheidet, so kann die von Gramm sehr allgemein beschriebene „gelebte Verfassungskultur“ mit ihrer Freiheitlichkeit und Forderung nach Engagement und Verantwortlichkeit die Unterscheidung nicht leisten. Auch weil diese „Kultur“ so, wie sie in dem Beitrag beschrieben ist, viele Länder und Bevölkerungen kennzeichnet. Vielleicht würde man selbst dann keine bedeutenden charakteristischen Unterschiede finden, wenn man diese Kultur im Detail analysieren würde. Seltener ist womöglich die in Deutschland verwirklichte Vielfalt, das „Wimmelbild“ einer in sehr vieler Hinicht ganz besonders und manchmal auch besonders wenig „offenen Gesellschaft". Es ist aber schon zu bezweifeln, ob dieses Bild Deutschland wirklich kennzeichnet. Und es gibt ähnliche Vielfalt auch woanders.

So wird man weiter nach Unterscheidungsmerkmalen suchen müssen, vielleicht gerade dort, wo das nach Auffassung von Gramm ausscheidet, zum Beispiel bei Art und Inhalt der Kommunikation der Bevölkerung oder im Verhältnis zur Heimat. Oder in den Gründen für Bereitschaft zum Engagement für Land und Mitbevölkerung. Entsteht nicht Identität dadurch, dass sich ein tragender Teil der Bevölkerung mit konkreten Gegenständen, Zielen, Idealen oder Verhältnissen „identifiziert“, indem Menschen intensiv an ihnen teilzuhaben suchen, sich für sie einsetzen ? Allerdings ist zu erwarten, dass bei dieser Suche wiederum nur solche ranghohe Gegenstände gefunden werden, mit denen sich mehrere, zum Beispiel europäische Länder identifizieren.

Als Ergebnis würde sich Deutschland eben nur in weniger hochrangiger Hinsicht unterscheiden, zum Beispiel durch besonders intensive Beschäftigung mit der eigenen Identität (Nietzsche), die durch die deutsche Geschichte großer Teile des 20. Jahrhunderts belastet ist. Oder dadurch, dass ein maßgeblicher Teil der Deutschen etwas besser oder schlechter kann oder tut als andere. Das ist kein Unglück sondern eine hervorragende Ausgangslage für die Gestaltung zum Beispiel der europäischen Zukunft. Ein verbleibender Bedarf nach Identität könnte durch Wettbewerb um die besten Beiträge zur Verwirklichung der gemeinsamen Ideale gedeckt werden.


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