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Werte

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zuletzt redigiert am 11.4.2018

Als (positiver oder negativer) Wert kommt der Inbegriff der Übereinstimmungen und Widersprüche eines Gegenstandes (Sache, Lebewesen, Gedanke) mit/zu den Kriterien eines auf ihn anwendbaren Kataloges messbarer Eigenschaften oder Verhältnisse in Betracht. Ein typischer Wert ist der Preis eines Gegenstandes als Ergebnis von Angebot und Nachfrage am Markt.

Selbst mit Bezug auf die einfachsten Sachen kann ein so bestimmter Wert aber nur für einzelne ihrer Merkmale ermittelt werden, für Wasser etwa durch Messung von Volumen und Temperatur. Das gilt erst recht für komplizierte Gegenstände. Nur die Eigenschaften etwa gedachter Grundform (geometrische Figur, mathematische Gleichung) oder eines Maßstabes selbst lassen eine vollkommene Bewertung zu (zum Beispiel: Die Winkelsumme eines Dreiecks beträgt 180°, der Wert von 3 cm eines Zentimetermaßstabes ist 3 [cm]). Im übrigen könnte auf diese Weise der Wert von Gegenständen praktischer Bedeutung vollständig nur durch separat-kumulative Beschreibung des Ergebnisses der Anwendung je eines geeigneten Maßstabes auf jedes seiner Merkmale ermittelt werden, was praktisch unmöglich und offensichtlich sinnlos ist. Eine sinnvolle Bewertung bedarf einer Beschränkung der Messung auf ein überschaubares Bündel von Merkmalen eines Gegenstandes an Hand eines überschaubarer Kriterien-Katalogs.

Alle Werte sind von Menschen zugewiesen oder wenigstens verlautbart. Ihr Inhalt ergibt sich zum Teil zwangsläufig aus der Natur, im übrigen mehr oder weniger zwingend aus irrtumsabhängiger menschlicher Überlegung. Erhebliche Unterschiede bestehen zwischen der rationellen, eher ein Sein beschreibenden und einer normativen Bewertung an Hand eines Sollens-Maßstabes.

1. Rationelle, seinsmäßige, eher beschreibende Bewertung betrifft etwa die Beschaffenheit, den Zustand, den Ort, die Ausdehnung, die Menge, das Gewicht, die Temperatur, das Verhalten, etwa die Geschwindigkeit und Richtung eines Gegenstandes in Raum und Zeit, auch etwa Faktoren der Gesundheit von Lebewesen. Das ist die Methode der Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie, Medizin) und ihrer praktischen Anwendung, der Technik. Dem Ausdruck ihrer Werte dienen oft skalierte Zahlen oder Zeichen, ihre Verhältnisse können bereichsweise sinnvoll mathematisch "bewertet" werden. Ähnlich verhält es sich mit den nicht normativen Aspekten der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften (Mathematik, Erkenntnistheorie, Bedeutungslehre, Sprachwissenschaft, Soziologie, Staatslehre) wenn sie etwa das Verhalten oder Denken mit einem Katalog von Kriterien vergleichen. Die Bewertung konzentriert sich sinnvollerweise auf bestimmte Gruppen von Merkmalen.

a) Hauptsächlich Erkenntnis- und Kommunikationswert haben seinsmäßige Unterscheidungen wie etwa nach der Stärke von Erdbeben, nach dem Ozongehalt der Luft, der von einer Quelle ausgehenden Lichtstärke oder Schallmenge, aber auch etwa der Lernfähigkeit oder des Wissensstandes eines Menschen an Hand einer Wertskala.

b) Bewertungen erfolgen auch unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit für einen bestimmten Zweck wie diejenige des Heizwerts von Kohle, der Tragfähigkeit einer Brücke

c) Wirtschaftliche Bewertung betrifft die Art, Menge und Qualität von der Natur entnommenen oder durch Arbeit geschaffenen Gütern oder Leistungen, die gegen eine bestimmte Art, Menge und Qualität anderer Güter oder Leistungen getauscht oder auf andere Weise erworben werden können. Ein typischer Wert ist der durch Angebot und Nachfrage am Markt gebildete Preis von Gütern oder Leistungen.

2. Als Wert in einem normativen Sinn wird das Maß bezeichnet, in dem die Beschaffenheit, der Zustand oder das Verhalten eines Gegenstand (Sache, Lebewesen, Gedanke) oder eines seiner Merkmale den Sollens-Anforderungen einer rationalen oder irrationalen Ethik, Soziallehre, Religion, Ideologie oder oder politischer Konzepte entspricht oder widerspricht und dementsprechend als gut oder schlecht (böse), korrekt oder inkorrekt befürwortet oder verworfen wird. Diese Bewertung ist weniger messender als wägender Art. Auch ästhetische Maßstäbe und Werte sind dem normativen Bereich zuzordnen.

Präzise beschriebene Werte haben einen eigenen Namen, nachvollziehbare Gründe und Grenzen. Je gründlicher sie begründet, je präziser sie beschrieben sind, umso deutlicher zeigt sich: Werte müssen ständig neu kritisch durchdacht, genauer gefasst, geändert, abgelehnt, ersetzt oder sogar aufgegeben oder bekämpft werden. Auch deshalb, vor allem aber aus Gedankenlosigkeit oder mit Absicht lässt die Berufung auf normative Werte meist die erforderliche Präzision vermissen.

Da Werte und Maßgaben im normativen Sinn von Menschen mehr oder weniger und eher selten einhellig nach Gesichtspunkten der Zweckmäßigkeit, aber auch kontrovers aus allen möglichen guten oder schlechten (bösen) Motiven bestimmt, zugewiesen oder verlautbart werden können, entstehen über ihre Gültigkeit Meinungsverschiedenheiten und aus ihrer Anwendung Konflikte, besonders wenn gegensätzliche lebenswichtige Interessen aufeinander treffen. Je weniger präzise der Bedeutungsinhalt ähnlich lautender Bekenntnisse, Normen und Praktiken beschrieben ist, umso eher gelten sie den einen als Wert, anderen als Todsünde oder Verbrechen oder, wie es der holländische Außenminister Jean Asselborn im Anschluss an den Wahl Viktor Orbans in Ungarn im Frühjahr 2018 ausgedrück hat, als "Wertetumor" (siehe die Glosse von Reinhard Veser in der FAZ vom 10.4.2018). Besonders heftige Konflikten entzünden sich an transzendenten Werte, weil sie vernunftmäßig überzeugender Begründung der Ausgleichung nicht oder nur schwer zugänglich sind.

Daher ist die Berufung auf Werte in einem normativen Sinn gefährlich. Solche Werte können explodieren wie Handgranaten oder Tretminen, und sie können implodieren wie Autoreifen oder schwarze Löcher. Sie explodieren, indem ihnen immer mehr unterschiedliche und schließlich gegensätzliche Bedeutungen zugewiesen werden. Sie implodieren, indem ihnen ein immer geringeres Maß an sinnvoller Bedeutung zugewiesen wird. Dann bricht ihr Begriff zusammen. Werte können auch berauschen wie Marihuana oder Alkohol, indem sie transzendente Vorstellungen erzeugen. Dann können sie froh und selbstbewusst machen wie die deutsche Olympiade von 1936, sie können aber auch blind und taub oder krank machen. Eskalierende Wertkonflikte etwa zwischen säkularen Ideologien wie auch zwischen religiöse Konfessionen, oft genug auch bereits einzelne Ereignisse, die Berufung auf oder Kritik an Religionen, Personen, Gruppen oder Bevölkerungen sind geeignet, in Gewaltausbrüche, Kriege oder Bürgerkriege zu münden. Einzelne, Gruppen, Völker und Menschenmassen sind bereit, ihre entgegengesetzten Bewertungen gewaltsam zur Geltung zu bringen. Gerade Auseinandersetzungen zwischen religiösen Bekenntnisgruppen haben in der Geschichte immer wieder kriegerische Ausmaße erreicht; das eindrucksvollste Beispiel liefert der hauptsächlich auf deutschem Boden ausgetragene 30-jährige Krieg (1618-1648).

Aus vorstehendem ergibt sich als Regel für jegliche auf Frieden gerichtete Politik ein Verbot der Verwendung normativer Wertbegriffe ohne präzise Beschreibung oder Bezugnahme auf eine präzise Beschreibung des Begriffsgegenstandes nebst ausreichender Begründung seiner Bewertung.



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