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Heimat / Home
(in German language only)
von/by Dr. Christian Heinze


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2016 01 - 02 - Stand 2017 05 25



Heimat ist der Ort des Hinweinwachsens in das Leben und, oder zumindest, eines langdauernden, intensiven Wohnens und Erlebens . Heimat ist meist zugleich derselbe Ort der Vorfahren, besonders der Eltern, der Verwandten und Freunde und auch Gegner, oft auch ihrer Gräber. Wie sich das Land dieses Orts und seine Bevölkerung sich zum Menschen verhält, ob die Witterung des Landes mild oder herb ist, die Tage lang oder kurz, heller oder dunkler sind, wie das Land, sein Gelände und Boden, sein Aufwuchs, seine Luft, sein Himmel und seine Sterne aussehen, duften und sich - für Hände und Füße - anfühlen, welche Tiere dort wohnen, ob und welche Früchte oder anderen Schätze, welchen Schutz, welche Herausforderungen und Gefahren und welche Freizügigkeit das Land reichlich oder knapp gegen viel oder wenig menschlichen Aufwand bereit hält und wie die Angebote zugänglich sind, was die Bevölkerung aus dem Land gemacht, mit welchem Überbau ihrer Lebens- Infrastruktur sie es versehen hat, ob und wie sie es benutzt, bereist, verlässt und wiederkehrt, wie Mann und Frau, Alt und Jung, hochgestellt oder nicht, dort miteinander privat, als Nachbarn, öffentlich und mit Gästen umgehen, was ihnen Freundschaft bedeutet, was und wie sie sammeln und bauen, wie sie wohnen, sich bewegen, sich pflegen und artikulieren, was und wie sie essen und trinken, welche Gesten sie benutzen, welche Bedürfnisse sie haben und wie sie sie befriedigen, wie sie ihren Lebensunterhalt erwerben und Güter austauschen, was sie wissen, können und glauben, was sie für gut oder zuwider halten, als schön oder abstoßend empfinden, ob und wie sie musizieren, überhaupt Kunst entfalten und erleben, besonders ob und wann und welche Lieder sie singen, ob ihnen die Zeit schnell oder langsam vergeht, welche Einrichtungen sie sich über die erwähnte Infrastruktur hinaus geschaffen haben und wie sie sie nutzen und erhalten, welche Regeln sie für ihr Zusammenleben einhalten, welches Verhältnis von Harmonie und Disharamonie sie unterhalten, welches Maß an Freiheit und Regelmäßigkeit sie einander gewähren, welchen Gegenstand und welche Verfassung die von ihnen gebildeten Gemeinschaften haben und wie sie sich zu anderen, auch fremden Gemeinschaften verhalten, vor allem aber wie und insbesondere in welcher Sprache - die mit den in ihr geschriebenen Gedichten und Schriftwerken alles vorerwähnte erfasst - sie miteinander kommunizieren, das ist Heimat.

Man kann es auch konkreter ausdrücken: Wann es schneit, regnet oder Stürmt, wie kalt oder warm, hell oder dunkel die Tage und Nächte sind und wie und wann die Bäume, Sträucher und Blumen aussehen. duften und blühen, ausschlagen und welken, wie die Sprache, die Lieder und die Musik der Menschen, ihre Glocken oder der Ruf des Müezzins und die Stimmen ihrer Tierwelt klingen, wann die Nachbarn schlafen gehen und aufstehen, wann und wie sie denken, fühlen, arbeiten, feiern und trauern, wie sie sich - besonderes bei festlichen Gelegenheiten - kleiden, ihre Häuser und Wege, Bahnen und Häfen, ihre Höfe, Werkstätten und Fabriken bauen, miteinander und mit der sie umgehenden Natur, mit ihren Überzeugungen und ihrem religiösen Glauben, mit Kunst und Literatur, Wissenschaft und Technik umgehen, insbesondere wie höufig und bei welchen Gelegenheiten sie zusammenkommen, wie sie miteinander reden, wie sie Freundschaften unterhalten und Konflikte lösen, wie sie ihr Familienleben und ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen gestalten, wieviel und wie sie sich helfen, ausbeuten, berauben oder unterdrücken, welche Regierungen, Verwaltungen, Führungsstrukturen, Gesetze und Regeln sie sich geben, geben lassen und beachten oder dulden, welche Speisen, Genussmittel oder Produkte und Einrichtungen aller Art sie vorziehen, wie sie es mit der Verteilung von Gütern und Leistungen halten - das ist Heimat.
Heimat beschränkt sich nicht darauf, ein Ort oder die Summe von Beziehungen, von Gegenständen und Zuständen zu sein. Sie formt vielmehr das Verhalten und das Wesen eines Menschen, zu dem eine Heimat gehört. Sie wird zum Bedürfnis, ihr Verlassen oder ihr Untergang wird zum Mangel und erzeugt Sehnsucht. Für manche ist Heimat lebensnotwendig oder wenigstens Voraussetzung für Glück. Die Bindung des Einzelnen an Heimat läßt sich durch das Gleichnis der Wurzel erläutern: sie besteht in verästelten Leitungen und Kapillaren, die sich in alle oben erwähnten Bereiche erstrecken und von dort dem Ganzen Nahrung zuführen. Verbindung zur Heimat mag weitgehend auf Gewohnheit beruhen. Nichts ist aber damit ausgesagt darüber, ob eine Heimat, ihre Eigenart oder ihre Faktoren oder ein Mitwirken an einer Heimat oder ein Eintreten für sie "objektiv" gut oder weniger gut sind, Frieden fördern oder etwa gefährden. Aber immerhin: Heimat kommt durch Denken, Fühlen und Verhalten, durch das ganze Leben des Menschen und insbesondere einer menschlichen Gemeinschaft im Austausch mit der Natur zustande. Darin liegt und darauf beschränkt sich auch ihr "Wert".
Gewiss: Die "Heimatfaktoren" gehen auf das Wesen des Menschen zurück. Die meisten davon enthalten daher einen allen Menschen gemensamen Kern, einige sind sogar universell. Einige sind einem größeren, andere einem kleineren Raum eigen. Erst die differenzierte Kumulierung der "Heimatfaktoren" definiert "Heimat" im engeren Sinn. Historisch haben wissenschaftliche und technische Entwicklung insbesondere im Bereich der Kommunikation (einschließlich des Verkehrs) besonders während der letzten Jahrhunderte mit steigender Geschwindigkeit wenn uach regional unterschiedlich zu weitgehenden Angleichungen von "Heimatfaktoren" durch besseres Verständnis und vernunftmäßige Korrekturen geführt. Die politische Entwicklung der Gemeinwesen bestand in einer fortschreitenden Befreiung des Einzelnen von Gemeinschaftsbindungen. Sogar die Bedeutung von Sprache für Heimat hat durch eklatant vermehrte globale Kommunikation über Bilder, Zeichen und Ton abgenommen. Der Wunsch nach Überwindung von Heimatbindungen als Hindernis hat geholfen, Sprachkenntnisse populär zu machen und tendiert zur Einführung einer lingua franca. Die Bedeutung von Heimat im Sinn einer Bindung an einen geographischen Ort und seine Bevölkerung als Medium und Hindernis für Zusammenleben oder Migration hat durch all das, auch durch veränderte Bewertung der Unterschiede abgenommen. Diese Entwicklung schreitet weiter fort. Einige Eigenarten, Faktoren oder Bewertungen bleiben jedoch tief verwurzelt und wirksam. Am wichtigsten und wirksamsten bleibt Sprache als der wohl wichtigste Bestand dessen, was Heimat ausmacht.
Weil uns Heimat so stark anspricht, anzieht, sogar vereinnahmt, sei sogleich auch daran erinnert: Heimat ist nicht alles. Nähe ist nur eine Seite des Lebens. Die andere ist die Weite. Aus der dem Menschen von Natur aus eigenen Freizügigkeit entsteht Drang zur fremden Ferne. Und man bedenke auch: "Klar sieht, wer von ferne sieht, und nebelhaft, wer Anteil nimmt" (Lao-Tse). Daher gilt auch: "Manchmal muss man gehen, um sich nicht zu entfernen" (Christa Schyboll).

Die Loslösung vom geographischen Ort, die mit der Befreiung des Tiers von der Menschheit begann, mündet in die Entwicklung geistiger Heimaten. Das bewirken dieselben Faktoren, die Bindungen des Menschen an Land und Gemeinschaft abnehmen lassen. Folgerichtig ist geistige Heimat als eine Art neue Verortung zu begreifen, die zu Bindungen und Gegnerschaften mit neuen, der Wahrnehmung und Bewältigung bedürfenden Chancen und Gefahren für Frieden verbunden ist.


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