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Heimat / Home

von/by Christian Heinze (in German language only)
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2016 01 - mehrfach überarbeitet - Stand 2018 07 03

Heimat ist der Ort, wo Menschen wohnen. Und wie die Umgebung dieses Orts und ihre Bevölkerung sich zum Menschen verhalten, ob die Witterung mild ist, herb oder menschenfeindlich, ob die Tage lang oder kurz, heller oder dunkler sind, wie das Land, sein Gelände und Boden, sein Aufwuchs, seine Luft, sein Himmel und seine Sterne beschaffen sind, ob und welche Früchte oder anderen Schätze, welchen Schutz, welche Herausforderungen und Gefahren und welche Freizügigkeit das Land reichlich oder knapp gegen viel oder wenig Aufwand bereit hält und wie die Angebote zugänglich sind, was und wie die Bevölkerung sammelt, wie sie das Land, ihre Häuser und Wege, Bahnen und Häfen, ihre Höfe, Werkstätten und Fabriken gestalten, um sich mit dem Land zu verbinden wie die Bevölkerung das Land nutzt, benutzt, bereist, verlässt und wiederkehrt, wie dort Mann und Frau, Alt und Jung, hochgestellt oder nicht, miteinander bei Produktion, Erwerb und Verteilung ihrer Güter und insbesondere ihres Lebensunterhalts, bei Gemeinschaftswerken, öffentlich und privat und wie sie mit Gästen umgehen, wie sie sich ansprechen und miteinander reden,wie sie wohnen, wann sie schlafen und wachen und wie sie sich pflegen, wie sie denken, fühlen, arbeiten ("Heimat ist Arbeit" - Sasha Stanisic, NZZ 2017 10 25), feiern und trauern, wie sie sich überhaupt bewegen, wie sie sprechen, welche Gesten sie benutzen, was und wie sie essen, trinken und sonst konsumieren und genießen, welche Bedürfnisse sie haben und wie sie sie befriedigen, was sie wissen, können und glauben, was sie darüber hinaus interessiert, was sie für gut oder zuwider halten, als schön oder abstoßend empfinden, ob ihnen die Zeit schnell oder langsam vergeht, welche Einrichtungen sie sich über die notwendige Infrastruktur hinaus geschaffen haben und wie sie sie nutzen und erhalten, wie sie ihr Zusammenleben gestalten, wieviel und wie sie sich helfen, ausbeuten, berauben oder unterdrücken, welche Regeln sie dafür einhalten und wie sie sie durchsetzen, welches Maß an Freiheit sie einander gewähren, wie sie Konflikte lösen, wie häufig und bei welchen Gelegenheiten sie zusammenkommen, was ihnen Volk, Sippe, Familie und Freundschaft bedeutet, welchen Gegenstand und welche Verfassung die von ihnen gebildeten größeren Gemeinschaften haben, welche Regierungen, Verwaltungen, Führungsstrukturen und allgemeinen Gesetze sie sich geben, geben lassen und beachten oder dulden, wie sie es mit der Verteilung von Gütern und Leistungen halten und wie sie sich zu anderen Gemeinschaften verhalten, vor allem aber was und wie und insbesondere in welcher Sprache - die mit den in ihr verfassten Reden, Schriftwerken und Gedichten alles vorerwähnte erfasst - und mit Hilfe welcher Schrift sie miteinander kommunizieren, vor allem auch welche Rolle Literatur bei ihnen spielt, alldas ist Heimat.

Es sind alle Sinne, die es vermitteln: Wie kalt oder warm, hell oder dunkel die Tage und Nächte sind und wie (wann) die Bäume, Sträucher und Blumen, die Landschaft aussehen und duften, wie der Wind, der Wald, der Bach, der Fluss oder die Meereswellen rauschen, wie der Himmel und die Sterne strahlen, wie die Natur sich - für Haut und Haar, für Hände und Füße - anfühlt, welche Tierlaute sie hören lässt, wie die Menschen aussehen, sich kleiden und bewegen, wie ihre Getränke, sogar das Wasser, und wie ihre Mahlzeiten schmecken, wie sie sprechen, rufen und musizieren, besonders wie ihre Lieder, Glocken und Gebetsrufe klingen, wie sie sich bewegen, besonders wie sie tanzen, wie sie Künste betreiben und genießen, welche Geräusche und Bilder von ihren Versammlungen und Betrieben, von Bahnen oder anderen Fahrzeugen ausgehen - das ist Heimat.
Heimat beschränkt sich nicht darauf, ein Ort oder die Summe von Beziehungen, von Gegenständen und Zuständen zu sein. Vielmehr formt sie, durch bewußte oder unbewusste Wahrnehmung aller oder - wie in der Regel - eines Teils ihrer Merkmale, die Befindlichkeit, das Verhalten und den Charakter eines Menschen , zu dem eine Heimat gehört. ("Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie Du", Theodor Fontane, Ballade 'Archibald Douglas'). Heimat wird zur Gewohnheit und zum Bedürfnis, zum Medium einer Selbst-Identifikation, ihr Verlassen oder ihr Untergang erzeugt Gefühle des Mangels bis hin zur Sehnsucht. Sie wird zur individuellen und Gruppenheimat. Für manche ist Heimat lebensnotwendig oder wenigstens Voraussetzung für Glück. In der Antike gehörte die Verbannung zu den schwersten Strafen nach der Todesstrafe. Die Bindung des Einzelnen an Heimat lässt sich durch das Gleichnis der Wurzel erläutern: sie besteht in verästelten Leitungen und Kapillaren, die sich in alle oben erwähnten Bereiche erstrecken und von dort dem Ganzen Nahrung zuführen. Verbindung zur Heimat mag weitgehend auf Gewohnheit beruhen. Nichts ist allerdings damit ausgesagt darüber, ob eine Heimat, ihre Eigenart oder ihre Faktoren oder ein Mitwirken an einer Heimat oder ein Eintreten für sie "objektiv" gut oder weniger gut oder gar böse sind, Frieden fördern oder etwa gefährden. Auch das Böse kann sich Treue dienstbar machen. Aber immerhin: Heimat kommt durch Denken, Fühlen und Verhalten, durch das gesamte Wesen und Leben der Menschen und insbesondere einer menschlichen Gemeinschaft im Austausch mit der Natur zustande. Darin liegt und darauf beschränkt sich auch ihr "Wert".
Die Bedeutung der heimatbildenden Faktoren nimmt mit der Dauer des Wohnens zu. Sie wird verstärkt durch die Assoziation der Erinnerung an das Leben von Vorfahren, vermittelt durch Gräber, oder der Wahrnehmung von Freundschaften oder Fehden oder der Erwartungen an das Leben von Nachkommen an demselben Ort mit dem eigenen Leben, durch das Fortwirken der Werke der Vorfahren und die Sorge um das Fortwirken des gegenwärtigen Bestandes auf das Wohlergehen der Nachkommen.

Da Bedeutung und Wirksamkeit der "Heimatfaktoren" im Wesen des Menschen begründet sind, enthalten viele davon einen für ein Volk gemeinsamen Kern, einige sind universell. Einige sind einem größeren, andere einem kleineren Raum oder Kreis von Wohnenden eigen, und das in mehr oder weniger starkem Maße. Erst die differenzierte Kumulierung der "Heimatfaktoren" definiert "Heimat" im engeren Sinn. Heimat ist nicht statisch sondern dynamisch sich verändernd, nicht nur für den Wandernden sondern für alle. Die Entwicklung von Wissenschaft und Technik und Weltanschauung, von Kommunikation und Verkehr führen mit steigender Geschwindigkeit wenn auch regional unterschiedlich zu Angleichungen von "Heimatfaktoren", zu Korrekturen und besserem Verständnis. Die politische Entwicklung der Gemeinwesen führt zu Veränderungen der Freiheit und der Bindungen des Einzelnen. Sogar die Bedeutung von Sprache und Schrift für Heimat hat durch eklatant vermehrte globale Kommunikation über Bilder, Zeichen und Ton und Verbreitung der Kenntnis fremder Sprachen abgenommen. Der Wunsch nach Überwindung von Heimatbindungen als Hindernis hat geholfen, Sprachkenntnisse populär zu machen und tendiert zur Einführung einer lingua franca. Die Bedeutung von Heimat im Sinn einer Bindung an einen geographischen Ort und seine Bevölkerung als Medium und Hindernis für Zusammenleben oder Migration hat durch all das, auch durch veränderte Bewertung der Unterschiede abgenommen, die Vielfalt, auch Gegensäthzlichkeit der Heimatfaktoren nimmt zu: Heimaten wachsen. Diese Entwicklung schreitet weiter fort. Einige Eigenarten, Faktoren oder Bewertungen bleiben jedoch singulär, tief verwurzelt und wirksam. Am wichtigsten und wirksamsten bleiben Sprache und Landschaft als die wohl wichtigsten Bestandteile dessen, was Heimat ausmacht.
Während Heimat stark anspricht, anzieht, sogar vereinnahmen kann, bedeutet sie doch nicht alles. Nähe und Intimität ist nur eine Seite des Lebens. Die andere ist die Weite und Ferne. Aus der dem Menschen wie dem Tier von Natur gegebenen Lösung von der Wurzelbindung der Pflanze an einen Ort entsteht Drang zur fremden Ferne. Das menschliche Streben nach Wissen und Erkennen tritt hinzu: "Klar sieht, wer von ferne sieht, und nebelhaft, wer Anteil nimmt" (Lao-Tse). Daher gilt auch: "Manchmal muss man gehen, um sich nicht zu entfernen" (Christa Schyboll).

Die Loslösung vom geographischen Ort geht einher mit der Entwicklung geistiger Heimaten. Das bewirken dieselben Faktoren, die Bindungen des Menschen an Land und Gemeinschaft abnehmen lassen. Folgerichtig ist geistige Heimat als eine Art neue Verortung zu begreifen, die zu Bindungen und Gegnerschaften mit neuen, der Wahrnehmung und Bewältigung bedürfenden Chancen und Gefahren für Frieden verbunden ist.
Im Deutschland des ausgehenden 20. iund beginnenden 21. Jahrhunderts begegnet ein Vorbehalt gegenüber dem Begriff Heimat und damit eine Abneigung gegen den Gebrauch des Ausdrucks. Sie finden sicherlich eine Erklärung in dem erwähnten Rückgang der Bedeutung von Heimat durch veränderte moderne, technisch bedingte Lebensweise gegenüber der Zeit, in der der Begriff gebildet wurde. Überbetonung dieser Bedeutung kann der Einordnung in diese Lebensweise hinderlich sein, kann Rückständigkeit andeuten. (Übrigens ist die Veränderung nicht überall in der Welt gleichmäßig ausgeprägt.) Eine weitere, womöglich bedeutendere Ursache liegt aber im Missbrauch, den die nationalsozialistische Ideologie im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der Wertschätzung der Heimat und dem Heimatgefühl getrieben hat, indem sie beides übertrieb und benutzte, um Menschenmassen zur irrtümlichen Mitwirkung an ihrer Hybris zu verführen. Dass gerade der Verlust der Heimat von Millionen Deutscher zu einer Folge dieser Hybris und dieser Verführung geworden ist, musste zusätzlich zur Diskreditierung der Bewertung und des Begriffs beitragen. Weiterhin findet sich der für Heimat katastrophale Irrtum , sie müsse "bewahrt" werden, indem das Fremde ausgegrenzt und bekämpft wird. Zwar hat die Gestaltung von Heimat mit Homogenität zu tun, aber es geht um die Homogenität des Guten, nicht in Einfalt sondern in Vielfalt und Toleranz, um Frieden und nicht um Feindschaft, die Heimat zerstört. Der Irrtum hat mit der Angst vor einem Mangel der eigenen Fähigkeit zur Gestaltung des Zusammenlebens und mit der Bequemlichkeit zu tun, ihre Anstrengungen zu vermeiden. Dem Missbrauch und Irrtum und der Bequemlichkeit darf nicht gestattet werden, den Wert von Heimat und eines wohlverstandenen Heimatbegriffs zu verschütten.


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